Was ist politisch an Dietmar Daths »Die Abschaffung der Arten«?
Fiktionale Literatur kann politisch sein. Wie Kunst und Pop wird Literatur spätestens dann relevant, wenn politische Kultur, Zivilgesellschaft oder Hegemonie gefragt sind (Gramsci 1992: 783, 1996: 1497-1505). Dabei gilt, Fiktion ist nicht gleich Realitätsferne (Luhmann 2008: 276-291). Auch erfundene Geschichten werden tatsächlich geschrieben, gedruckt und gelesen. Als politisch gilt insbesondere die Literatur von Dietmar Dath. Leicht zu finden sind Interviews mit Dath, in denen er über die Aktualität marxistischer Theorie spricht. Außerdem veröffentlicht der Autor nicht nur fiktionale Literatur, sondern auch Essays zu politischen Themen (Dath 2008b). Deshalb hier die Frage: Was ist politisch an Daths »Die Abschaffung der Arten«?
Was ist politisch?
Was politisch ist, ist umstritten und ungewiss. Hier drei Vorschläge:
Erstens: Politisch ist gemeinsames Handeln und der Versuch gesellschaftlicher Verständigung und Absprache (Arendt 2003: 11). Und politisch ist auch schon der Schritt zuvor, nämlich die Erkenntnis, dass es überhaupt diese Ebene gibt, auf der sich Menschen verabreden können, und zwar jenseits von dem, was sie qua Natur und Zufall angeblich sonst noch sind (Frauen, Männer, Deutsche, Mütter usw.).
Zweitens: Politisch ist, wenn die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar wird. Politisch ist entsprechend auch die Frage, was Gegenstand von Politik sein kann und soll, also etwa wie Privatsphäre, Wirtschaft oder Kunst mit Gesellschaft zusammenhängen. Politisch ist dann am Ende die Kritik dessen, was alles nicht sein soll (Adorno 2003: 793). »A persistent critique of what one cannot not want« (Spivak 1999: 110).
Drittens: Politisch sind die Möglichkeiten als Individuum einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Politisch sind die Angebote und Zwänge, die den Einzelnen nahe legen, sich selbst auf bestimmte Weise zu verstehen: als Frau, als Mann, als kreative Unternehmerin, als freier Künstler. Die Gesellschaft ruft die Individuen als Subjekte an; nicht zuerst durch Zwang, sondern in Form eines Autonomieversprechens (Althusser 1977: 140-149).
Geschichte und Geschichten
Beginnen wir mit Zweitens: In einem prototypischen Kinofilm wäre ein männlicher Außenseiter zu sehen, der seine individuellen Stärken entdeckt und so in den Kreis der Gemeinschaft zurück findet. In Daths Geschichte dagegen sind es Gesellschaften, die gelingen und scheitern. Die Handlung des Romans erstreckt sich über mehr als tausend Jahre. Dabei geht es nicht um heldenhafte Individuen, sondern um den Aufstieg und Fall von Kollektiven. Teils wird es besser, teils schlechter, oft beides zugleich. Dieser Wandel von Gesellschaft heißt Geschichte und Daths Text erzählt davon; nicht mit Blick auf eine gegebene Vergangenheit, die gelesen und nacherzählt wird, sondern spekulativ bezogen auf eine virtuelle Zukunft. Das ist das Erste, was politisch ist an Daths Roman: Die Veränderbarkeit von Gesellschaft wird sichtbar als Geschichte im doppelten Sinn; als mögliche Welt der Zukunft und als Wandelbarkeit sozialer Verhältnisse.
»Gedächtnis ist das Potenzial der Humanisierung der Welt überhaupt. Weil ich mir irgendetwas merken kann, kann ich mir vorstellen, dass es anders wäre, als ich es mir merke oder als ich es gerade im Moment wahrnehme. (…) Diese Dinge verweisen darauf, dass schlechte gegebene Zustände – und da kommen wir ins Politische – (…) änderbar sind, weil sie nicht immer so waren und nicht immer so sein werden« (Dath 2011).
So wie die Madonna
Als nächstes Drittens: Im Buch fehlen alltägliche Orientierungspunkte, insbesondere was Personen angeht. Viele Charaktere passen nicht in stereotype Rollen; es gibt einen, der König heißt, aber er herrscht nicht wie ein König. Dazu kommt, die Gente, die im Roman die Nachfolge der Menschen antreten, verändern sich nach eigenen Maßgaben, nicht nach den Bedarfen einer Gesellschaft. Sie wechseln Geschlecht, Spezies und Aggregatzustand.
»Aber die Genotypen, die waren Bestandteil der Domäne des Willens geworden, und so von da aus alle anderen Ordnungseinheiten, Familien, Klassen, Stämme, die höheren Taxa, an deren alten Verbindungen sich doch so gründlich der große naturgeschichtliche Zusammenhang hatte lernen lassen, die Nichtzufälligkeit, das alles, an dem sich der Verstand schön schärfen ließ. Daß es eine reiche, lebendige Welt gibt, in der alles kausal zusammenhängt und mit rechten Dingen zugeht, verstehbar, ohne daß irgendeine unheimliche Hand es lenkt« (Dath 2008a: 159).
Was Popstars heute auf individueller Ebene tun, nämlich scheinbar selbstbestimmt an ihrem eigenen Image zu arbeiten, tun die Gente auf gesellschaftlicher Ebene und produzieren dabei ihre eigene Subjektivität. Dath beschreibt den Unterschied zwischen der aktuellen Gesellschaft und jener der Gente so:
»Was die Leute machen dürfen ist: Verändere dich, mach’ einen Kostümwechsel, je nachdem, was wir von dir brauchen! Du musst flexibel sein, dann musst du aber andererseits unsere Unternehmenskultur in dich aufsaugen und völlig von ihr angefüllt sein. Also einerseits bist du gar nichts, andererseits bist du genau das, was wir brauchen. Dieses ganze Zeug, das wird dann noch geeicht an Leuten, von denen gesagt wird, sie würden das unentfremdet tun. Also es wird gesagt: So wie die Madonna und der David Bowie sich immer verändern, so veränderst du dich jetzt auch, und wir sagen dir dann wie. Und wenn dieses ›Wir sagen dir dann wie‹ wegfällt, dann hat man die Welt, in der die Gente rumeumeln« (Dath 2011).
Das ist das Zweite, was politisch ist an Daths Roman: Es geht um die Beziehungen von Individuen zu Gesellschaft. Jedes der Gente ist Subjekt nach eigenem Gutdünken und erzählt wird, wie diese Gesellschaft maximaler Freiheit funktioniert und scheitert.
Personen sind keine Myxamobae
Als letztes Erstens: Der Gegenpol zum Gemeinwesen der Gente ist ein Kollektiv angeführt von der rechnenden Maschine Katahomenleandraleal. Im Gegensatz zu den hyper-individuellen Gente folgt die Maschine logischen Prinzipien ohne Subjektivität. Sie kategorisiert und benennt, sie denkt nicht, sie plant nur.
»Es war Katahomenleandraleal, die sich allen und allem erklärte: ›Ich weiß jetzt, wie mein Leben geht. Ich bin eine Frau, ich bin weiblich, meine Verkörperung hat die erste Formentscheidung getroffen. (…) Ich weiß jetzt mehr über mich als zuvor, das gefällt mir. Ich habe ein Geschlecht und hatte zuerst schon einen Namen und habe immer noch keine Spezies, zu der ich gehöre und die sich von Blutes wegen zu mir bekennt. Es gibt weiterhin Arbeit‹« (Dath 2008a: 112f).
Für die Gente wird die Maschine zur Gefahr von Außen, die Technologie wird zur neuen Natur. In der Mitte des Buchs, am Ende des Konflikts der beiden Welten müssen die Gente von der Erde fliehen, weil sie nicht gewinnen können gegen die Logik der Maschinenwelt. Die Gente verlieren ein und denselben Krieg an zwei Fronten: gegen eine Technologie, die ausgebrochen ist aus sozialer Kontrolle, und gegen ihre eigene Unfähigkeit, sich als Gesellschaft zu sammeln.
»Dass der Kampf so ausgeht, wie er ausgeht im Buch, nämlich dass die Gesellschaft, die einem abstrakten Prinzip folgt, über die Gesellschaft triumphiert, in der die Freiheitsgrade maximal sind, soll nicht etwa heißen, in the long run, we are all dead, sondern soll sagen, a house divided can’t stand. (…) Noch die freieste Gesellschaftsordnung wird mit Dingen konfrontiert sein, (…) die sie dazu zwingt zu begreifen, dass sie eine Gesellschaft ist« (Dath 2011).
Ganz entgegen Margaret Thatchers berühmtem Ausspruch »There is no such thing as society« ist der Roman das Gegenteil der Behauptung, es gebe zwar Familien, Nationen, Herren, Knechte usw., aber darüber hinaus keine Ebene, auf der Menschen sich verabreden können. Das ist dann das Dritte, was politisch ist an Daths »Die Abschaffung der Arten«: Der Widerspruch gegen die Annahme, es gebe keine Gesellschaft, erzählt als Geschichte der Schwierigkeit sich als solche zu organisieren. Im Buch wird dieses Problem illustriert an Schleimpilzen, einzelligen Organismen, die teils unabhängig von ihren Artgenossen agiert wie Individuen, aber auch zu einer kollektiven Einheit zusammenklumpen können:
»›Weil sie so was nicht konnten. Die Menschen. Deswegen ist ihnen passiert, was ihnen passiert ist. Deshalb haben wir sie überwunden. Weil sie nicht konnten, was die Myxamobae…‹ Izquierda stellte die Ohren auf und schüttelte den Kopf: ›Unsinn. Was sie besiegt hat, war nicht, daß sie keine Schnecke bilden konnten. Sondern daß sie’s, ohne dafür gerüstet zu sein, dauernd versucht haben. Eine Verwechslung: Personen sind keine Myxamobae, egal, ob sich’s bei den Personen um Menschen oder um Gente handelt‹« (Dath 2008a: 17f).
Literatur
- Adorno, Theodor Wiesengrund (2003): Kulturkritik und Gesellschaft, Band 2, Eingriffe, Stichworte, Anhang, Frankfurt a.M.
- Althusser, Louis (1977): Ideologie und ideologische Staatsapparate, Aufsätze zur marxistischen Theorie, Hamburg.
- Arendt, Hannah (1993): Was Ist Politik?, Fragmente aus dem Nachlass, München.
- Dath, Dietmar (2008a): Die Abschaffung der Arten, Frankfurt a.M.
- Dath, Dietmar (2008b): Maschinenwinter, Wissen, Technik, Sozialismus, Eine Streitschrift, Frankfurt a.M.
- Dath, Dietmar (2011): Das Wort Utopie liegt mir nicht, aufgezeichnet von Ulrich Lampen, Bayerischer Rundfunk.
- Gramsci, Antonio (1992): Gefängnishefte, Kritische Gesamtausgabe, Band 4, Hamburg.
- Gramsci, Antonio (1996): Gefängnishefte, Kritische Gesamtausgabe, Band 7, Hamburg.
- Luhmann, Niklas (2008): Schriften zu Kunst und Literatur, Frankfurt a.M.
- Spivak, Gayatri Chakravorty (1999): A critique of postcolonial reason, Toward a history of the vanishing present, Calcutta.
01.05.13
Während E. am Küchentisch arbeitet, höre ich im Schlafzimmer das neue Album von Autechre »Exai«. Sie kommt rüber und fragt, woher der Krach käme und ob ich die Waschmaschine angestellt hätte.
Was Autechre als Musik veröffentlichen, lässt sich bei unaufmerksamem Hören vom Nebenzimmer aus, bei einem Hören, bei dem sich die Geräusche aus den Boxen mit dem vermischen, was sonst noch da ist, leicht mit einem rumpelnden oder kreischenden Gerät verwechseln. Auch bei genauem Hören, einem Hören mit Kopfhörern etwa, das anderes ausschließt, kann das Gehörte hingeworfen und beliebig wirken, wie unregelmässiges Rauschen oder Krach. Eine Verwechslung von Lärm und Musik.
Michel Serres schreibt in »Die fünf Sinne«: »Der Gruppe angehören heißt den Lärm nicht hören. Je mehr Sie sich integrieren, desto weniger hören Sie; je mehr Sie darunter leiden, desto weniger gehören Sie dazu. (…) Der Lärm definiert das Soziale«. Wer den Lärm sucht, will nicht dazugehören.
Aber Autechre produzieren nicht den wiederentdeckten Lärm des Kollektivs, sondern einen, der sich Mühe gibt, anders zu sein als die Geräusche der Gruppe. Denn den Kollektivkrach zu hören, hieße zwar sich abzusondern, liefe aber auch Gefahr die Stille gegen das Geräusch und die Sauberkeit gegen die Verschmutzung auszuspielen. Deshalb braucht es einen anderen, einen neuen, einen eigenen Lärm.
Autechre-Fans können von einem Lerneffekt berichten: Auf anfängliche Verwirrung folgt nach längerem Hören (Tage, Wochen, Monate) Verständnis und Genuss. Die ersten Durchgänge durch die unbekannten Tracks haben nichts als die Aktivierungsenergie einer Faszination für das Neue. Die ersten Hörerlebnisse bieten keine selige Konzentration, sondern nur nervöse Zerstreuung. Erst mit dem Kennenlernen des Geländes, erst mit der Vertrautheit mit den Breiten, Höhen und Tiefen beginnt der Spaß. Der Lärm wird zu Musik.
Serres schreibt: »Der Übergang vom ungeordneten oder chaotischen Rauschen zur Information (…) oder vom Getöse zur Musik (…) schreibt unmittelbar jenen Gesellschaftsvertrag, dessen Text unauffindbar bleibt«. Wer den Lärm von Autechre zu Musik macht, produziert mit an einem eigene kleinen Sozialvertrag.
Ist das eine Politik der Zerstreuung? Die Absprengung von einem Kollektiv und die Anklumpung an ein neues mittels Geräuschen. »Das Hörbare hält das Terrain dank seiner Fähigkeit, in die Breite zu wirken; die Macht gehört dem, der die Glocken und Sirenen besitzt, sie gehört dem Netz der Schallsender«, schreibt Serres.
24.03.13
- Dean Blunt & Inga Copeland – Black Is Beautiful
- Actress – R.I.P.
- Laurel Halo – Quarantine
- The Internet – Purple Naked Ladies
- Cooly G – Playin Me
- Traxman – Da Mind of Traxman
- Grizzly Bear – Shields
- Grimes – Visions
- Lukid – Lonely at the Top
- Iron Curtis – Soft Wide Waist Band
- Auntie Flo – Future Rhythm Machine
- Nite Jewel – One Second of Love
- 10-20 – Magnet Marsh
- Smallpeople – Salty Days
- Kettel & Secede – When Can
23.03.13
Frank Ocean – Nostalgia, Ultra
Allein die Distribution: Per Tumblr und Filehoster direkt in mein Gehirn. Die ganze Musik voller Zitate inklusive dem Beweis, dass ich immer schon Coldplay-Fan war. Lieblinge: Strawberry Swing, Novacane.
Oneohtrix Point Never – Replica
Irgendwie auch prototypischer Pop: selbstgemacht und ruppig, aber auch weit, romantisch und schwärmerisch. Lieblinge: Andro, Nassau.
Roly Porter – Aftertime
Ambient gehört zu jedem ausgewogenen Hörverhalten. Macht nochmal ganz anders klar, was Musik mit Zeit macht. Hier zwischen Noise-Gebirgen und Streicher-Wolkenflug. Bonus: Alle Tracks sind nach Planeten aus dem Dune-Universum benannt. Gewinn. Liebling: Al Dhanab.
Jim Guthrie – Sword & Sworcery LP - The Ballad of the Space Babies
Überrschaungssieger aus dem Nichts: Soundtrack zum iOS-Spiel Sword & Sworcery. Tolle kleine Stimmungsstücke. Nicht einfach nur Imitate des 8/16-Bit-Sounds, sondern großartige Neufassungen mit Extra-Pathos für die Nostalgie. Lieblinge: Dark Flute, The Ballad Of The Space Babies.
Africa Hitech – 93 Million Miles
Für mehr Eklektizismus: Die Warp-Version aus Retrofuturismus, UK-Funky, Juke und afrikanischer elektronischer Musik. Lieblinge: Out In The Streets, Light The Way.
DJ Roc – The Crack Capone
Knochiger und roher, aber auch unheimlich souliger Juke. Sample, Drum machine und Rhytmus sind immer noch wahnsinnig mächtig. Lieblinge: Lost Without U, Take His Ass Out.
Machinedrum – Room(s)
Auf eine gute Art Coffee-table Juke. Nicht so Ghetto wie die Geschwister, dafür umso kleinteiliger, flüssiger und schwelgerischer. Lieblinge: Lay Me Down, Door(s).
Zomby – Dedication
Rechne ich Zomby hoch an, dass er anders als viele Kollegen (James Blake, Joker) kein Album mit ganz viel eingängigem Gesang gemacht hat. Stattdessen um so mehr herrliche Rave-Träumerein. Lieblinge: Digital Rain, A Devil Lay Here.
Fourcolor – As Pleat
Spizenmässige Kombination aus kühlem Digitalem und langsamen, warmen Gitarrensounds. Von diesem japaniscen Ambient-Säusel-Gesang kriege ich auch nie genug. Jazz aus einer guten Zukunft. Lieblinge: Skating Azure, Iris (Familiar).
CANT – Dreams Come True
Tatsächlich ein wenig eine Mischung aus Grizzly Bear und Twin Shadow. Nicht so toll wie die Eltern, aber auf eine super Art ungleichmässig und mit tollen Melodieverläufen. Lieblinge: The Edge, Bericht.
Die Liste entspricht ziemlich meiner Lastfm-Statistik von Ende 2011, die wiederum recht genau abbildet, was ich tatsächlich höre, ausgenommen Mixe, Radio, Clubs und Konzerte. Keine einzige Frau in der Liste. Erst so ab Platz zwanzig tauchen Gang Gang Dance, Julia Holter, Jenifa Mayanja, Ada und Sleep Over auf. 2012 sind The Internet, Grimes und Nite Jewel dazu gekommen. Nichtsdestotrotz: Popmusik und ich waren auch 2011 sexistisch.
16.02.12
Dieses Jahr habe ich eine Diplomarbeit darüber geschrieben, wie Moral in der Demokratie wirkt. Vor allem habe ich mir angesehen, was Niklas Luhmann und Chantal Mouffe dazu gesagt haben. Der Gedanke war, dass es in der Demokratie ungünstig sein kann, Themen moralisch zu behandeln, also im Hinblick auf eine Unterscheidung zwischen gut und böse. Produktiver sind politische Differenzen – etwa die Unterscheidung zwischen links und rechts.
Wenn etwas entschieden werden soll, ist es demokratisch gesehen oft wirksamer, darauf zu verzichten, mögliche Optionen als gut oder böse zu markieren. Denn Moral hat einen Hang zum Streit, zum Absoluten und Endgültigen. Stattdessen ist es sinnvoll zu überlegen, welche Entscheidungen in welchen politischen Kontext passen. Die Frage ist dann, was einem linken Projekt und was einem rechten dient.
Meistens besteht eine nur sehr ungefähre Einigkeit darüber, was genau Inhalt und Ziel linker oder rechter Politik sind. Auf das Schema links/rechts muss deshalb nicht verzichtet werden. Offene Fragen können genauso als Aufforderung verstanden werden, politische Positionen auszuformulieren und zu besetzten. Gesellschaftliche Wirklichkeit will langsam in Politik übersetzt werden.
Politische Differenzen zu kultivieren, meint dann nicht albernes Streit spielen. Genauso wenig müssen einfach traditionelle Inhalte übernommen werden. Es geht um Überarbeitung, Interpretation und Neukombination. Viele Begriffe sind sowieso so offen, dass gar nichts anderes übrig bleibt. »Gerechtigkeit«, »Freiheit« oder »Neutralität« sind eventuell gut gemeinte Ziele, aber für sich genommen noch keine Handlungsanweisungen. Also muss erarbeitet, ausgehandelt oder erkämpft werden, was das alles bedeuten soll.
Beispiel Piratenpartei: Sie will weder links noch rechts sein, sondern freiheitlich oder einfach nur vorn. Doch eine typisch post-politische Behauptung universeller Werte bei gleichzeitiger Leugnung sozialer Konflikte würde darüber hinweg täuschen, dass keineswegs klar ist, wie etwa Freiheit umzusetzen ist.
Ähnlich die Gender-Debatte und der Hinweis, die Partei sei schon postgender: durch die Vorwegnahme möglicherweise erstrebenswerter Ziele werden wirksame soziale Grenzen eher versteckt als aufgelöst. So wie Post-Politik einen bestimmten gesellschaftlichen Konsens unterstellt, suggeriert postgender, durch Geschlecht erzeugte Differenzen wären überwunden und nicht mehr relevant.
Aber der Wunsch allein, unabhängig zu sein von herrschenden Gesellschaftsstrukturen, genügt nicht für eine bessere Welt. Mindestens Marxismen wissen, dass Ideale ohne Gesellschaftsperspektive leicht zu Ideologien werden. Wer nicht sieht, wie sehr alles in Gesellschaft verstrickt ist, sucht sich andere Gründe für sein Denken und Handeln – etwa Technologie.
Sicher kann für die Piratenpartei ein ganz eigenes, von Technologie abgeleitetes Politikschema formuliert werden, eine abstrahierte Netzneutralität vielleicht, die Forderungen nach einem diskriminierungsfreien Netz auf alles Soziale ausweitet und den freien Zugang zu allen Gesellschaftsbereichen zum politischen Ziel macht. Die Piraten als neue sozialliberale Partei.
Wenn aber konkrete Diskriminierungsformen ignoriert werden, hilft es wenig, einfach die alten Forderungen nach Partizipation, Freiheit und Menschlichkeit im Rahmen neuer Technologie zu wiederholen. Diskriminierungsfreier Zugang ist als Idee erstmal nicht mehr als der liberale Traum politischer Neutralität. Politisch wird es aber erst, wenn soziale Diskriminierungen als Konflikte sichtbar und entscheidbar werden.
Das links/rechts-Schema ist nicht unersetzlich, aber es kann eine sinnvolle Funktion erfüllen. Es motiviert zur Formulierung genuin politischer Differenzen und bietet Orientierung jenseits von gut und böse. Wenn sich die Piratenpartei vom links/rechts-Schema fern hält und sich stattdessen an Technologie oder Transparenz orientiert, läuft sie Gefahr zentrale Konfliktlinien zu übersehen.
Die Unterscheidung links/rechtes ist aber auch nicht unschuldig am Verlust politischer Positionen – auch das zeigen die Piraten: Die etablierten Parteien haben es offensichtlich nicht geschafft, das breite Spektrum digitaler Themen angemessen aufzugreifen, nicht zuletzt weil das links/rechts-Schema dafür nicht sensibilisiert hat. Ein Anlass mehr für ein neues linkes Projekt.
Würde sich die Piratenpartei als links verstehen, blieben ausreichend Unklarheiten für eine offene Diskussion. Gewonnen wäre Anschlussfähigkeit an die Politik – und damit nicht nur Kompatibilität sondern auch Möglichkeiten zur Veränderung. Das Links-Rechts-Spiel mitzuspielen heißt, anzuerkennen, dass es keine letzten richtigen Antworten geben wird und stattdessen nur Konflikte. Diese Konflikte nicht zu leugnen, sondern so gut als möglich offenzulegen und zunehmend erfolgreicher auszutragen, wäre dann ein Weg.
26.11.11