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    Wie sind wir Was[ser]?

    Wir sind was? Wasser? Irgendwie schon: Nicht nur jedes Wir, sondern überhaupt jedes Was hängt immer auch ab von anderem, fliesst aus- und ineinander, trennt und vermischt sich gerne. Was man fest in der Hand zu haben meint, läuft einem im nächsten Moment durch die Finger. Alles kann man immer noch differenzierter sehen und durch eine Metaebene mehr filtern. Und das ist nicht schlimm. So ein Meer von Sinn ist eine tolle Sache, mindestens für Entdecker. Von der Tiefsee der Erde soll nur ein Prozent erforscht sein, von der Tiefsee des Sinns wahrscheinlich noch weniger. Komisch ist aber, dass wir trotzdem sinnvoll etwas Bestimmtes sagen können.

    moldywater

    Wie können wir etwas sein oder meinen, was zumindest auf den ersten Blick eindeutig bezeichnet ist, feste Ecken und Kanten hat und nicht sofort wieder mit dem Meer zusammenläuft aus dem es kommt? Wie sind wir Was[ser]? Vielleicht ist jedes Was und jedes Wir so etwas wie Wasser in Gläsern und Eimern, Tonnen und Töpfen, Flaschen und Tassen. Wir sind nicht einfach nur irgendwie Wasser, sondern Wasser in Behältern, Wasser in bestimmter Form. Wir sind und nutzen Dinge, die ein wenig Wasser vom Meer trennen und mit sich selbst zusammenhalten. Mit einem ganzen Meer kann keiner etwas anfangen.

    Wir sind Bayern und Berliner, Deutsche und Österreicher. Wir sind Kunden, Männer und Fussfetischisten. Alles zugleich oder nichts von alledem. Und wenn irgendetwas an meinem Geplansche und Gepansche mit Metaphern dran ist, dann ist jedes Wir fest und flüssig zugleich: Fest, weil ein verstehbares Wir ein formendes Gefäß braucht, und flüssig, weil das geformte Wasser auch immer wieder umgefüllt und zurückgeschüttet werden kann. Wenn Wasser zulange nicht bewegt wird, wird es brackig und abgestanden. Kategorien sind notwenig, aber genauso notwendig ist, dass es auch andere Kategorien und Faktoren gibt. Alles Wasser fliesst irgendwann zurück ins Meer.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Bild von sjsharktank.]

    Habermas wählen

    Am 18. Juni feierte Jürgen Habermas seinen 80. Geburtstag. Zu dem Anlass und ganz allgemein steht ein Luhmann-Opfer wie ich ganz gerne reflexhaft in Opposition zu Habermas und seiner Theorie, auch wenn ich von beiden nicht viel mehr weiß, als was mich Luhmann durch Seitenhiebe hat wissen lassen. Rundum ungerecht ist also mein arg beschränktes Interesse und Wissen am Geburtstagskind. Aber so schlimm, Frau Tönnies? Kann ich mir gar nicht vorstellen, muss ich mir selber mal anschauen. Bitte seien Sie mir nicht böse, Frau Tönnies, wenn ich nicht mit Ihrer Sicherheit mithalten kann.

    habermas

    Man kann schon mal nicht sagen, der Geburtstag würde nicht gut zum Wahljahr 2009 passen; hat sich Habermas doch gerne mit der Demokratie herumgeschlagen. Seine deliberative Demokratie ist ausdrücklich unabhängig von der Tugendhaftigkeit ihrer Buerger, aber auch kein einfacher Deal eigennütziger Individualisten. Auch soll sie als pluralistische Politik nicht hauptsächlich ethisch sein, d.h. soll sich nicht ständig mit der Frage beschäftigen, wie eine gute Gesellschaft beschaffen ist und zu erreichen wäre. Wichtig ist vielmehr, dass verschiedene Werte und Interessen prozessiert werden, die je fuer sich gerade nicht die Identität der Gesellschaft behandeln.

    In Habermas‘ Demokratie kommt alles auf die Kommunikationsbedingungen der Meinungs- und Willensbildung an. Es kommt darauf an, wie eine öffentliche Meinung zustande kommt und in Wahlen politische Form gewinnt. Öffentlichkeit kann weder handeln noch herrschen, aber sie kann politische Macht in bestimmte Bahnen lenken und als solidarisches Gegengewicht zu den Gewalten Geld und Macht wirken. So hofft es zumindest Habermas und ich will gerne mit ihm hoffen. Und eines will ich empfehlen: Bei berechtigten Zweifeln Tönnies überspringen und gleich Habermas lesen.

    [Endlich mal dem Namen der Neuen Zukunft Ehre gemacht und Text völlig verspätet hier reingelegt. Nimm das, Zeit! Ursprünglich ist das alles erschienen in der Berliner Gazette. Das Bild ist von hannizkaos.]

    meer

    Heute Werbung – und zwar für Gutes: Die Berliner Gazette ist nicht nur einer der Gründe dafür, dass ich überhaupt noch was in mein Blog geschrieben bekomme, sondern veranstaltet auch heute ein kuschliges aber – oho! – internationales Symposium mit Namen »Meergemeinschaft«. Diskutierend überprüft werden soll, welche Modelle und Metaphern des Flüssigen als Beschreibungen des Sozialen taugen.

    Ab 14.00 Uhr können sich junge Medienmanipulatoren zwischen 17 und 25 während eines Workshops in professioneller Begleitung fragen, ob und wie sich das Gemeinsame der Gesellschaft auf der Wasseroberfläche der Medien spiegelt. Abends um 19.00 Uhr gibt es einen Vortrag über Gemeinschaft und Gewalt im Zeitalter der Globalisierung mit anschließender Disskusion. Schaut mal hier für mehr Informationen. Berliner und Freunde kleiner Reisen sollen hingehen. Soweit ich gehört habe, wird gratis Wasser und Wissen ausgeschenkt.

    Hiphop als Hörspiel

    »Vielleicht schreibe ich was über Hiphop«, habe ich gesagt. »Ach«, hat sie gleich verächtlich erwidert, »Hiphop ist doch tot!«. Immer mal wieder ein Sorgenkind ist er in der Tat. Er ist noch für kleine Skandale gut, ist manchmal wirtschaftlich erfolgreich und tut immer so. Er sei Sexist, sagt man, und überhaupt gibt er sich nicht selten konservativ. Aber tot? Nein! Tot ist er nicht. Vielmehr erinnert das alles daran, wie Hiphop nie nur Musik war, sondern immer Paradefall einer Popkultur, die mehr Formen benutzt als nur Geräusche.

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    Trotzdem: Was ist mit den Tönen und was ist mit der Musik des Hiphop? Was ist mit den Beats? Neues hören kann man zum Beispiel aus Los Angeles, nämlich vom Label Brainfeeder und dessen bekanntestem Mitbegründer Flying Lotus. Auch in England auf dem sumpfigen Bassboden von Dubstep sind neue Beat gut gediehen, so in Glasgow die von Hudson Mohawke und Rustie, die beide beim legendären Label Warp Unterschlupf gefunden haben. Wien hat den spitzenmässigen Dorian Concept zu bieten.

    Irgendwie haben sie alle etwas Neues gemeinsam: Ihre Beats sind gerne unglaublich wacklig und verschroben, mit viel Dreck und billigen Synthies verziert. Die Sounds klingen oldschoolig und auf nostalgische Weise futuristisch, auch elektronisch, aber nicht nach Hightech, oft komplex, aber dabei nach Hobby und Hörspiel. Alles das hat diese Musik dem Hochglanz-Hiphop nach Timbaland und dem konservativen Thug-Hiphop voraus, nämlich das Ungerade und Verbeulte, den Fehler als zentrale Form und Folge sympathischen Ausprobierens. Pop und Experiment feiern zusammen.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Foto von regueifeiro.]

    Bat for Lashes - Two Suns

    Ihr erstes Album »Fur And Gold« hat Natasha Khan in ihrem Schlafzimmer geschrieben, auf ihrem Bett. Das stand in ihrer Heimatstadt Brighton an der Küste Englands. Mindestens damals waren es dann die Momente zwischen wach sein und schlafen, zwischen konzentriertem Arbeiten und verwirrtem Träumen, die Khans Musikfantasien entstehen liessen. So erzählt sie es zumindest in Interviews und man will ihr nichts anderes als glauben. Der Erfolg dieses ihres ersten Albums hat Khan herausgelockt aus ihrem Schlafzimmer in die Welt, gerade auch nach New York. Sie hat sich verliebt, hat neue Musik kennengelernt und andere Künstler getroffen. Sie hat in New York gefeiert und gelebt, nicht immer glücklich. Sie ist in die Wüste Kaliforniens geflüchtet und hat in ihrem Schlafzimmer in Brighton ihr Leben und ihre Liebe in New York vermisst. »No matter where I was there was always a piece of me missing«, sagt sie über diese zerrissene Zeit.

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    An alles das darf man denken, wenn man »Two Suns« hört und wenn man sich die Differenzen in Bat for Lashes‘ neuem Album erklären will. Muss man aber nicht. Auch ohne das alles kann man sich von der Musik des Albums erzählen lassen, was Einsamkeit ist und was Sehnsucht, wie man untergehen kann in einer Großstadt und wie man allein sein kann, obwohl man ständig in Gesellschaft ist. Man kann hören, wie man melancholisch tanzt und wie man im Dunklen träumt – von dem, was man nicht hat, und von dem, was man sich wünscht.

    Khans neues Album klingt im Gegensatz zu »Fur And Gold« weniger puristisch, weniger nach Schlafzimmer. Darüber kann man trauern, aber es war ein nur logischer Schritt. »Two Suns« ist definitiv aufwendiger und sauberer. Das ist nicht an sich schon ein Fortschritt, sondern hat im Gegenteil schon so manchen Sound zerstört. Den von aber Bat for Lashes nicht. Die orchestraleren Arrangements machen Khans Musik nicht weniger intim, sondern im Gegenteil mächtiger und ernster. Die komplizierter programmierten Beats lassen die ruhigen Momente nicht untergehen, sondern lassen sie umso heller leuchten. Das neue Feuer in Khans Musik erhellt nicht nur einfach alles, sondern lässt die dunklen Momente auch schwärzer und tiefer erscheinen. Und selbst wenn das nicht so wäre: es bleibt Khans Piano und ihre traurige und hoffnungsvolle Stimme. Es ist wahr, es ist ein Traum.

    [»Two Suns« von Bat for Lashes ist am 06.04.2009 bei Parlophone erscheinen. Das Bild ist von Scorpions and Centaurs.]

    Christian Naujoks - Untitled

    Ich glaube, an diesem Album findet jeder Momente, die einem so richtig auf die Nerven gehen. Mir zum Beispiel »Bloom« und noch schlimmer »Baby blue«. Schrecklich. Dieses verpitchte Rumgesoule und dieses irre Gitarrengeschrammel. Will ich nicht hören. Nein, Sir.

    piano

    Aber – Scheiße! – vielleicht muss ein gutes Album auch nerven können. Soweit hat er mich schon, der Herr Naujoks, mit seinem unbetitelten Album auf Dial. Nämlich sind da auch die mir unerklärlich tollen Momente. »Off the Rose« zum Beispiel, ein verrauschtes Cover von New Orders »Leave Me Alone« mit minimalistischer Pianobegleitung und verzerrtem, billigem, aber unheimlich engagiertem Gesang. Spitze auch »Bar 27« mit seiner hallenden Spacepianomelodie, die mich eventuell nur angenehm an Aphex‘ letzte Experimente mit diesem Instrument erinnert. Ich weiß es nicht, aber alleine diese Verwirrung ist schon großartig, und ich höre es gerne.

    Alles ist geisterhaft unnahbar und trotzdem hobbymässig intim. Klassische repetative Minimal Music kuschelt mit schnoddriger New-Wave-Attitüde. Das passt alles nicht so recht zusammen und klingt doch überraschend konsequent. Ein Album, das einen wünschen lässt, alle Popmusik könnte so verschroben sein, so experimentell, vernünftig hassenswert manchmal, aber eben auch anziehend einfach und an vielen Stellen nur angenehm schön zu hören. Ein ganz komisches Ding und letztendlich ziemlich super.

    [Das unbetitelte Album von Christian Naujoks ist am 30.03.2009 bei Dial Records erschienen. Einen spektakulären Mix von Christian Naujoks gibt es beim Fact Magazine. Das Bild ist von Photo Mojo.]

    Deep Space Nerd

    Ihr wisst es schon, Nerd ist Pop. Hemden sind zugeknöpft, Hosenbeine hochgekrempelt und vierundzwanzig Stunden ohne Tageslicht schafft heute auch der durchschnittliche Internetnutzer mit Facebook und Youtube. Poptheoretischer Haken dabei ist alleine, dass Nerds angeblich zuerst männlich sind. Das will entweder widerlegt oder geändert werden. Beispielsweise hat sich das dem Popfeminismus verschriebene Missy Magazin gleich in seiner ersten Ausgabe dieser Kluft angenommen; mit einer Modestrecke über Nerdinen. Jedenfalls muss das, was Nerd ist, unter die Gender-Lupe, gerade wenn es Pop sein will.

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    Gehen wir an die Substanz, zurück in eine Zeit, in der Nerds nicht wussten, dass sie soziale Prototypen und Stilikonen werden würden. Zurück in die Neunziger. Schauen wir Star Trek. In der ersten Neuauflage der Serie, in »The Next Generation«, hatten Frauen zwar zentrale Rollen, allerdings recht typische, z.B. als Psychologin und Ärztin. Wohl Wissenschaftlerinnen, aber doch in klassischen pflegenden Rollen. Nicht besonders unkorrekt, aber auch nicht sehr subversiv war das. Ruppiger und ein regelmäßigeres Thema wird Geschlecht mit »Deep Space Nine«. Bestes Beispiel dafür ist die Hauptrolle Jadzia Dax‘.

    Ihr aktueller Körper – der einer jungen Frau – ist nicht ihr erster. Ein Teil von ihr hat auch schon als Mann gelebt. Sie ist ein »serial hermaphrodite«. Sie kämpft mit gewalttätigen Klingonen und spielt mit sexistischen Ferengis. Ihr Spitzname ist »old man«. »Voyager« scheint dagegen ein Rückschritt. Es war zwar höchste Zeit für einen weiblichen Captain, aber Kathryn Janeway ist so cross-gender wie die Königin von England. Borg-Barbie Seven of Nine daneben wirkt trotz vulkanischer Logik und astronomischem Fachwissen irgendwie immer wie das sexy Quotenblondchen. Mein Bittorrenttipp für historisch interessierte Nerdinen: Star Trek DS9.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Bild von ubiquity_zh.]

    Ein bisschen E-Book-Revolution

    Über einen Monat gibt es den E-Book-Reader Kindle 2 von Amazon. Grund genug über die erwartete/erhoffte E-Book-Revolution nachzudenken. Was gibt es zu revolutionieren und welche Guillotinen und Gulaks kann man zu vermeiden suchen? Was ist da los?

    ebooks

    Zuerst die Technik: Das tolle neue an solchen E-Book-Readern ist deren spezielle Displaytechnik. Soweit ich gehört habe, verwenden alle bisher verfügbaren Geräte den gleichen Displaytyp; gleicher Hersteller, gleiche Größe, gleiche Auflösung. Das spezielle dieser Technik (bekannt als Electronic paper, Electronic ink, E-Ink, u.ä.) ist der außerordentliche scharfe Kontrast, den die Displays zu Stande bringen. Aufgrund des hohen Kontrasts und einer fehlenden Hintergrundbeleuchtung sind die Displays dann auf Dauer weniger anstrengend fürs Auge als die von PCs und Fernsehern bekannten Modelle. Außerdem ist die Technik enorm stromsparend. Allerdings beherrschen die Displays bisher nur schwarz-weiß und sind vergleichsweise langsam, d.h. brauchen recht lange, um Bildwechsel zu vollführen. Im Wesentliche kauft man also ein speziell fürs Lesen entwickeltes Display und ein Gerät mit extrem langen Akkulaufzeiten. Natürlich können die Geräte noch mehr (Markieren, Notizen, Netzwerkanbindungen, usw.), aber eigentlich doch sonst nichts, was ein Note- oder Netbook, oder auch ein neueres Smartphone nicht auch könnten. Besteht die Revolution nur aus neuen Displays und längeren Akkulaufzeiten? Das wäre ja langweilig.

    Auch wenn Amazon nicht der einzige Anbieter eines solchen Geräts ist, kann man am Kindle doch sehr gut sehen, um was es eigentlich geht: Es geht um die Digitalisierung von Texten, die bisher nur als Bücher erhältlich waren, und um die Vermarktung solcher digitalen Texte. Es ist ein Buchhändler der hier ins Hardwaregeschäft einsteigt und vermutlich will er mit dem Kindle in erster Linie einen Vertriebsweg verkaufen. So prall gefüllt und dynamisch das Internet auch ist, viele Texte sind dort nicht zu finden, legal nicht und auch nicht illegal. Jede nur auf Vinyl und nur in Japan veröffentlichte Techno-Singel kann man auftreiben, aber eines der Hauptwerke von Niklas Luhmann habe ich noch nicht gefunden. „Harry Potter“, „Windows Vista for Dummys“ und „Become a perfect lover in 30 days“ wird es geben, aber ein großes Ding sind digitale Versionen mittelpopulärer Bücher noch nicht. Oder täusche ich mich? Wie viel Prozent der Bücher meiner Unibibliothek dort oder wo anders digitalisiert zur Verfügung stehen, wage ich nicht zu schätzen, aber es sind nicht genug.

    Jedenfalls könnte das die Revolution sein, nämlich dass ich die Bücher meiner Bibliothek und die der Tokioter Universität volltextlich durchsuchen und digital leihen kann. Aber was rede ich da? „Leihen“ wird mindestens insofern obsolet, als dass ein bestimmtes Buch zeitweise unzugänglich ist, weil es schon an jemanden anderen verliehen ist. Die Revolution könnte sein, dass die Wirtschaft anfängt sich Gedanken zu machen, wie digitale Texte vermarktet werden können. Und auch wenn uns deren Modell nicht immer gefallen werden, ist es doch ein wichtiger Anfang, mit dem wir uns dann auseinandersetzten können.

    [Geschrieben für papierlos.org. Bild von Golden_Ratio.]

    Liebe – nur für Anfänger

    Die Natur schlägt traditionell den Frühling als gute Gelegenheit für das Anfangen einer Liebe vor. Zwar müssen wir uns ihrem Ratschlag nicht unbedingt fügen, aber schlecht ist die Idee nicht. Die Liebe ist nicht der einzige, aber der vielleicht beste Ort, um sich als individuelle Person prüfen und bestätigen zu lassen – als die Person, die man glaubt, öffentlich zu machen, und als die, die man versucht zu werden. In der Liebe findet man sich »in der Weltsicht des anderen erwartet als derjenige, der zu sein man sich bemüht« (Luhmann).

    bruise

    Das macht die Liebe so erstrebenswert, gerade in einer Gesellschaft, die Individualität zwar wie nie zuvor zulässt, an ihr aber oft nicht interessiert ist. Die Konzentration auf das Individuelle an Personen macht die Liebe aber auch konfliktträchtig und instabil. Eine Beziehung, die zentral auf die Individualität von Personen setzt, muss jedes Mal neu und anders sein. Jeder ist Anfänger in der Liebe. Liebende müssen und dürfen die eigene Individualität immer wieder neu mit der des Partners zu koppeln versuchen. Zuerst weiß man nicht, ob man schon verliebt ist, später nicht, ob man noch liebt.

    Nicht nur ist das Anfangen einer Liebe kompliziert, gewissermaßen muss jede Liebe auch immer ein Anfangen bleiben. Liebe kann man nicht provozieren, sie kann nicht als Reaktion oder Pflicht funktionieren. Fast zu spät ist es, wenn man fragen muss: Liebst du mich? Am besten liebt man vorauseilend und spontan. Deshalb kann man Liebe nicht verordnen, sondern eben nur anfangen, mit offenem Ausgang und riesigen Gewinnchancen. Einstieg in den Anfängerkurs jederzeit möglich.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Bild von Daniel Paquet.]

    sport

    Bilder sind gefährlich mächtig, sagt man. Das hier hat mich erwischt. Roland Barth kann ich jetzt hier gut anbringen, hat man mir beigebracht. Oder noch wichtiger: Recherchieren sollte ich, wie das Bild gemeint ist, ob es echt ist oder ausgedacht. Ich könnte es in einen Kontext stellen. Es erinnert mich jedenfalls an Sciencefiction und an Dekadenz, an Welten, die nur auf eine sehr komische Art Kontakt haben. Und weiter weiß ich schon nicht mehr. Aber vielleicht schaut ihr es euch besser selber an.

    [Das Bild ist von Dizzy Swank.]