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    »Also der Mensch interessiert mich nicht, wenn ich das so hart sagen darf.«
    — Niklas Luhmann | 08.12.1927 – 06.11.1998
    Vilém Flusser hat es geahnt: Die Schrift hat ihre besten Tage hinter sich. Sie wird nicht das vorherrschende Medium der Gesellschaft bleiben oder ist es vielleicht schon gar nicht mehr. Die Schrift, die Arme, ist einfach zu sehr der Linearität verpflichtet. Alles will sie aufreihen, alles zwängt sie in eine vorherbestimmte Sequenz. Und das reicht ihr nicht. Zutiefst hat sie unsere Vorstellung von Zeit geprägt: die Geschichte als eine Gerade hat sie erst erfunden. Gerde nötigt sie euch und mich von links nach rechts zu schauen. Unermüdlich zählt, ordnet und zwingt sie die Welt in Zeilen. Das konnte nicht gut gehen.

    flow

    Die nächste Gesellschaft ist eine der Flächen und Farben. Die neuen, technisch erzeugten Bilder und Bildschirme brechen mit der alten Linearität, ja entlarven sie als blosse Vermittlungen. Zu Flussers Zeiten (1978) hätten wir das noch fürchten müssen, denn gemeint war das Senden der Massenmedien, das nur eine Richtung kennt. Flusser hat damals zurecht bemerkt, dass Informationen über solche Einbahnstrassen zwar fliessen können, dass sie so aber nicht prozessiert oder bearbeitet, nicht kulturell gespeichert werden können. Das Internet hat das geändert.

    Der Preis für diesen Wechsel ist nicht niedrig: Aufgeben müssen wir den Glauben an eine lineare Erklärbarkeit der Welt und stattdessen vorlieb nehmen mit Modellen und Theorien. Die Welt hört auf, sich als etwas Lesbares zu präsentieren. Für eine Archivierung ist sie zu flüssig geworden. Das Netz des Internet spiegelt das wohl am besten wieder. Deshalb ist es auch komisch, wenn die Deutsche Nationalbibliothek meint, sinnvoll das Internet archivieren zu können. Haben die in ihrem Archiv nicht auch Vilém Flusser? Und: Wenn noch ein Archiv möglich ist, kann dann nicht nur das Internet selbst dieses neue Archiv sein?

    [Ursprünglich und ohne Umlaute am 06.11.2008 in der Berliner Gazette. Das Bild ist von Lutz-R. Frank.]
    Das Fernsehen hat es gerade wieder schwer, und das auf seine alten Tage. Öffentlich wird es beschimpft, viele treffen sich nur noch heimlich mit ihm – der alten, ja auch guten Zeiten wegen. Natürlich: Das Fernsehen ist – typisch Rentner – zeitlich etwas unflexibel und hat seine festen Gewohnheiten: Wer nicht kann, verpasst halt was. Es spricht kaum Fremdsprachen, und oft nichtmal die eigene besonders gut. Und: Als das Massenmedium ist es aller meistens einem sehr, sehr kleinen gemeinsamen Nenner verpflichtet. Übertroffen wird das nur noch von lokalen Radiosendern.

    shikato Das Harmlose hat da nur wenig Platz, obwohl es im Überfluss vorkommt. Dass Banales und Besonders heute wieder neu und gut zusammen gehen können, haben wir schon versucht zu behaupten. Ja, es gehört zu den größten Verdiensten des Internet, das Unspektakuläre wieder sichtbar gemacht zu haben. Twitter ist dafür ein gutes Beispiel. Aber dass auch das Fernsehen – und dann noch auf seine alten Tage – kleine goldenen Harmlosigkeiten zeigen kann, darf überraschen.

    Doch all die hier fein verlegten Schichten Metaperspektivierung streben in Wahrheit nur einem Ziel zu, nämlich euch, geliebte Leser, Shikato zu zeigen, das in seiner spektakulären Banaliät und Einfachheit eben auch im Fernsehen zwischen zwei Ren-and-Stimpy-Folgen zu bestaunen wäre. Shikato ist - soweit wir das herausfinden konnten und wollten – noch aus den 90ern und war Teil der japanischen Kindersendung Ugougo Lhuga. Dass schon die Ren-and-Stimpy-Show locker als Kaufgrund für einen Fernseher durchgeht, predige ich ein anderes Mal.

    Heute: SHI-KA-TO



    Das Bild ist Fanart von da.

    Eingebildete Schwaben

    Es ist wieder passiert und es ist ein Fressen für die Presse. Wieder konnte man in Prenzlberg auf Plakaten lesen, «Schwaben» seien im Berliner Osten von irgendwem nicht erwünscht. Waren die Plakate vor zwei Jahren noch fast liebevoll designt, sind die Versionen dieser Saison um einiges platter. Aber natürlich: Böse Plakate gibt es viele. Auch muss es kein Grund zur Beunruhigung sein, wenn die Berliner Zeitung eine «Welle von Schwabenhass» auszumachen meint und Welt.de deshalb um die Mediaspree heult. Komisch fühl ich mich aber als – jetzt ist es raus – bayrischer Schwabe, wenn mir Leute auf Parties erzählen, wie schlecht «die Schwaben» in Berlin sind.

    schwaben

    Auch wenn ich alles andere als angefeindet worden bin, scheint das Bild der ignoranten «Schwaben» doch bekannt und verbreitet. Weniger bescheuert wird das auch dann nicht, wenn erklärt wird, das «Schwabe» nur Synonym sein soll für Schnösel oder Yuppies aller Art. Aber von der Seite kommt man der Sache zumindest näher, denn Ursache für diesen komischen Bedeutungswandel ist ein Prozess, den andere Städte dem schönen Berlin vorgemacht haben. Gentrifizierung wäre ein Wort für diese Entwicklung: Bestimmte Stadtteile werden gerade bei den Leuten beliebter, die Geld haben, und eben deshalb insgesamt teurer.

    So rum wird auch klarer, was eigentlich das Problem ist, nämlich das Ghetto – sei es eines für Arme oder eines für Reiche, eines für Schwaben oder für Türken, für Grünhäutige oder eines für Leute mit gelben Hosen. Scheiße wird es immer dann, wenn keine soziale Variation möglich ist. Da ist es wenig hilfreich, dass segregierte Viertel als wirtschaftlich wertvoller gelten. Denn letztendlich kommt es gerade dort, wo man «unter sich ist», zu so einem angenehm einfachem Wir-gegen-Die-Blödsinn, selbst wenn die Realität der Einbildung gar nicht recht entsprechen mag.

    [Für die Berliner Gazette. Bild von dev null.]

    loch

    Das Gemeinsame ist die Gesellschaft, nur dass sie nie ist, sondern ständig wird. Deshalb muss auch immerzu neu entschieden werden, wie es weitergehen soll mit ihr. Damit haben wir es dann mit der Minimalbedingung der Gesellschaft schlechthin zu tun, nämlich mit der Frage, ob und wie die Gesellschaft mit ihren eigenen Mitteln fortgesetzt wird. Durch das Kommunikationsmedium Internet wurde diese Frage nach Fortsetzung radikal verkompliziert, und zwar indem durch Vernetzung die kommunikativen Anschlussmöglichkeiten vervielfacht wurden. Durch das Internet sind die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Selektion einer Fortsetzung aneinander explodieren.

    Organisiert werden muss ein solcher Überschusssinn (Baecker) von einem gesellschaftlichen Gedächtnis, mit dessen Hilfe zwischen Erinnern und Vergessen vermittelt werden kann, einem Gedächtnis, um laufend zwischen Bekanntem und Neuem und zwischen Redundanz und Varietät zu unterscheiden. Ständig will aktuell geprüft sein, wie in Vergangenheit angeschlossen wurde und inwiefern Anschlüsse in dieser Form in Zukunft sinnvoll sein können. Dieses Gedächtnis heisst «Kultur» – und eines ist dabei wohl klar und unumstritten: Durch das Internet wird sich diese Kultur verändern und verändern müssen. Aber wie?

    Prognosen sind problematisch, gerade in einer Situation wie sie hier beschrieben ist. In einem Netzwerk muss jederzeit mit neuen und unbekannten Anschlüssen gerechtet werden, die wiederum an anderer Stelle schon als gangbare Pfade bekannt sind. Bewährtes und Neues rücken näher zusammen und leichter als zuvor kommt es zu Konflikten. In dieser Situation könnte es dann um das Suchen und Besetzten von Nischen gehen, um eine Expedition nach Löchern in der Kultur selbst. Es könnte darum gehen, Gedächtnis zu verwenden, um es zeitweise zu umgehen und ihm letztlich etwas hinzuzufügen. Es kann eben nur weitergehen. Offen bleibt, wie.

    [Text ursprünglich für die Berliner Gazette. Bild von sigmaman.]