I heart a sound 2013

04.01.14

Wozu Hipster?

Ach, der Hipster-Begriff. Aber es ist noch nicht vorbei. Hier nochmal ein Versuch zur Deutung: Hipster sind keine Personen, der Hipster-Begriff ist diffuse Gesellschaftskritik. Erster Hinweis: Niemand nennt sich selbst Hipster. Hipster sind immer die anderen. Hipster ist ein Vorwurf. Wer andere Hipster nennt, meint möglicherweise nur das, was man gerade nicht will.

Was Hipster tun

Erste Dinge zuerst. Was macht Hipster angeblich aus? Eine Sammlung von Vorwürfen:

Distinktion: Hipster wollen immer anders, neu und kreativ sein. Was zu viele gut finden, finden sie schlecht. Deshalb arbeiten sie am ständigen Auf- und Umbau des eigenen Styles und der eigenen Individualität – mit mäßigem Erfolg. Am Ende folgen sie doch nur Trends, tragen alle die gleiche Kleidung und hören ähnliche Musik. Der krampfhafte Versuch zeigt dann nur noch deutlicher das Defizit.

Ironie: Das wichtigste Werkzeug der Hipster. Ironie schützt sie vor zu starken Bindungen und hilft dabei, sich bei Bedarf schnell Neues anzueignen. Alle Style-Bausteine sind flexibel austauschbar, weil sich die Hipster nichts ernstahft anverwandelen. Nichts nehmen sie ernst, alles ist ihnen gleich. Nicht zuletzt in politischen Dingen scheuen sie klare Positionen; stattdessen mosern sie zynisch oder glauben, Soja-Milch und Petitionen genügten. So trifft sie der Vorwurf des Reformismus oder der Entpolitisierung.

Authentizität: Hipster streben nach Authentizität und schaden dabei sich selbst und dem Authentischen. Was vielen Subkulturen der Vergangenheit Schlüssel zur Kritik am Mainstream war – das Lob von Originalität und Ursprünglichkeit – zerfällt in den ironischen Klauen der Hipster zu Staub. Durch die unaufrichtige Aneignung scheinbarer Originale verlieren sowohl das Angeeignete als auch die Aneignenden an Authentizität. Übrig bleibt wieder nur die Bemühtheit der Hipster.

Retro: Auf der Suche nach authentischen und ironisch besetzbaren Identitätsbausteinen kommt alles Vergangene wie gerufen; ein riesiger Schatz an sympathischen Kuriositäten, vergessen und scheinbar überwunden, von kuratierenden Hipstern wiederentdeckt und neu kombiniert, liefert Vergangenes nicht nur distinktiven Style, sondern auch noch das wohlige Gefühl des Analogen; Schallplatten, Filmkameras, Selbstgestricktes – coole Accessoires und Erinnerungen an eine einfachere Zeit.

Postmoderne: Als Schreckgespenst des Wahren, Schönen und Guten ist die Postmoderne heimliche Schutzpatronin aller Hipster. Denn ihnen geht es am Ende nicht um die Suche nach Richtigem, sondern nur um eine kreative Wiederholung und Rekombination im bestehenden System kultureller Zeichen. Die Postmoderne steht für fast alles, was Hipster angeblich ausmacht: Unernsthaftigkeit, Gleichgültigkeit, Verflüssigung.

Gouvernementalität: Im Auftrag der Distinktion arbeiten Hipster angestrengt und ständig an ihrem Selbst. Damit sind sie die idealen Subjekte gouvernementaler Regierung (Foulcault). Hipster müssen nicht diszipliniert werden und niemand muss ihnen sagen, was sie tun sollen. Ganz von sich aus arbeiten sie am Rande des Ruins an der Verbesserung ihrer Person und deren optimaler Verwertbarkeit durch einen kreativen Kapitalismus.

Hipster sind nicht allein

An den Vorwürfen ist mehr dran als gedacht. Wer andere Hipster nennt, tut schon mal genau das, was Hipstern vorgeworfen wird: Distinktion betreiben. Man will sich selbst imprägnieren gegen all das, was Hipster falsch machen. Der Hipster-Begriff benennt dann das, was man alles nicht will.

Der Begriff ist eine Kritik an der spätmodernen Sisyphusarbeit der Individualisierung. Er ist Kritik an der Vorschrift, immer kreativ und besonders sein zu müssen, und Kritik an denen, die dieser Vorschrift zu gefügig Folge leisten und trotzdem scheitern. Dabei trifft die Norm nicht nur eine kleine Gruppe; auch Angestellte und gemeine Facebook-User sollen sich ganz persönlich und einzigartig präsentieren. »Ihr könnt jetzt schon mal anfangen, uns eure Persönlichkeit zu zeigen«, sagt Heidi Klum in Germany’s Next Topmodel zu den Kandidatinnen.

Die Verachtung gegen Hipster richtet sich auch gegen eine Inflation von Ironie. Dahinter steckt ein Unbehangen mit der wachsenden Schwierigkeit zu entscheiden, was gut und richtig ist. Und kritisiert wird Ironie als allzu einfacher Ausweg aus dieser Lage. Auch hier sind Hipster dann jeweils die, die das Spiel der Unentschlossenheit besonders offensiv spielen.

Der Hipster-Begriff ist außerdem eine Kritik daran, dass es als zunehmend schwierig empfunden wird authentische Beziehungen zu Menschen und Dingen zu pflegen; etwa weil die Flexibilität und Geschwindigkeit des sozialen und technischen Wandels es nicht mehr zulässt, sich aufrichtig und langfristig auf etwas einzulassen. Doch auf der Suche nach Originalität und Echtheit sind nicht nur jugendliche Hipster. Auch Touristinnen, Amateurpornofans und die Zielgruppe der vielen Magazine zum ländlichen Idyll wollen originelle, wahre und ursprüngliche Erfahrungen. Entfremdung (Rosa) ist nicht nur das Problem einer kleinen Gruppe.

Mit dem Hipster-Begriff wird zuletzt eine als albern empfundene Begeisterung für vergangene kauzige Dinge kritisiert. Aber was der einen das Tape-Deck, ist dem anderen der Stil der Toscana. Wer die Begeisterung für alte Videospiele nicht teilt, jongliert dafür jeden Sonntag im Park. Doch jede neue Retro-Vorliebe verstärkt immer auch den Eindruck einer wertlosen, ewigen Wiederholung des Gleichen im Namen von Moden und Waren.

Die Konzepte Postmoderne und Gouvernementalität erhärten am Ende den Verdacht, der Hipster-Begriff könnte Zeichen sein für ein umfassenderes Problem. Denn erstens scheinen sie gut geeignet für eine Beschreibung der Hipster und sind zweitens ganz klar mit dem Anspruch verbunden, einen allgemeinen Zeitgeist zu identifizieren.

Diffuse Personalisierung

Es könnte also helfen, Hipster nicht als Personen zu verstehen, sondern als diffuse Kritik an einem Bündel sozialer Schwierigkeiten. Wer Hipster sagt, kritisiert durch Personen hindurch etwas anderes: nämlich den Umgang mit Ironieinflation, Distinktionsimperativ, Kreativitätsnorm, Selbstoptimierung, Beschleunigung oder Postpolitisierung.

Das Problem ist dann nicht, dass die Kritik auf niemanden zutreffen würde, sondern ganz im Gegenteil, dass zu viele gemeint sind. Was Hipster tun, steht exemplarisch für die typischen Anforderungen an Subjekte in westlichen, gouvernemental organisierten Gesellschaften; nämlich für den paradoxen Zwang zur flexiblen Selbstverwirklichung.

Das Problem ist die unscharfe Personalisierung: Gerade weil die Vorwürfe so umfassend sind, führt die Identifikation einer bestimmten Personengruppe in die Irre. Der Hipster-Begriff ist die Unterstellung, es gebe eine überschaubare Gruppe, die besonders devot und erfolglos mit dem ringt, was die gegenwärtige Gesellschaft ihren Subjekten abverlangt. Aber das versteckt, dass viele selbst das Spiel auf ihre Weise mitspielen und auch keinen Ausweg wissen.

Literatur

16.09.13

Kulturpolitik

Es geht nicht so sehr um Inhalte, sondern um die Autonomie ihrer Entstehung. Jede Kunst ist immer auch politisch, und wenn sie unpolitisch tut, macht sie eben eine Politik, die sich gegen bestimmte Einflüsse sperren will. Was nicht funktioniert, ist der Kunst irgendetwas zu verordnen. Ver-Ordnung ist vielleicht sogar das Gegenteil von Kunst. Ein gutes Kunstwerk zeigt ja gerade wie spielend Ordnung entsteht. Aus demselben Grund kann Kunst auch keine vorprogrammierten Ergebnisse liefern. Dieser Unterschied zwischen Politik und Verordnung ist der Kern einiger Missverständnisse. Und weil das nicht gesehen wird, wird immer wieder der falsche Gegensatz behauptet, es gebe nur entweder unabhängige Kunst oder eine, die politisch informiert ist.

15.09.13

Ein Seil über einem Abgrunde

Was ist politisch an Dietmar Daths »Die Abschaffung der Arten«?

Fiktionale Literatur kann politisch sein. Wie Kunst und Pop wird Literatur spätestens dann relevant, wenn politische Kultur, Zivilgesellschaft oder Hegemonie gefragt sind (Gramsci 1992: 783, 1996: 1497-1505). Dabei gilt, Fiktion ist nicht gleich Realitätsferne (Luhmann 2008: 276-291). Auch erfundene Geschichten werden tatsächlich geschrieben, gedruckt und gelesen. Als politisch gilt insbesondere die Literatur von Dietmar Dath. Leicht zu finden sind Interviews mit Dath, in denen er über die Aktualität marxistischer Theorie spricht. Außerdem veröffentlicht der Autor nicht nur fiktionale Literatur, sondern auch Essays zu politischen Themen (Dath 2008b). Deshalb hier die Frage: Was ist politisch an Daths »Die Abschaffung der Arten«?

Was ist politisch?

Was politisch ist, ist umstritten und ungewiss. Hier drei Vorschläge:

Erstens: Politisch ist gemeinsames Handeln und der Versuch gesellschaftlicher Verständigung und Absprache (Arendt 2003: 11). Und politisch ist auch schon der Schritt zuvor, nämlich die Erkenntnis, dass es überhaupt diese Ebene gibt, auf der sich Menschen verabreden können, und zwar jenseits von dem, was sie qua Natur und Zufall angeblich sonst noch sind (Frauen, Männer, Deutsche, Mütter usw.).

Zweitens: Politisch ist, wenn die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar wird. Politisch ist entsprechend auch die Frage, was Gegenstand von Politik sein kann und soll, also etwa wie Privatsphäre, Wirtschaft oder Kunst mit Gesellschaft zusammenhängen. Politisch ist dann am Ende die Kritik dessen, was alles nicht sein soll (Adorno 2003: 793). »A persistent critique of what one cannot not want« (Spivak 1999: 110).

Drittens: Politisch sind die Möglichkeiten als Individuum einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Politisch sind die Angebote und Zwänge, die den Einzelnen nahe legen, sich selbst auf bestimmte Weise zu verstehen: als Frau, als Mann, als kreative Unternehmerin, als freier Künstler. Die Gesellschaft ruft die Individuen als Subjekte an; nicht zuerst durch Zwang, sondern in Form eines Autonomieversprechens (Althusser 1977: 140-149).

Geschichte und Geschichten

Beginnen wir mit Zweitens: In einem prototypischen Kinofilm wäre ein männlicher Außenseiter zu sehen, der seine individuellen Stärken entdeckt und so in den Kreis der Gemeinschaft zurück findet. In Daths Geschichte dagegen sind es Gesellschaften, die gelingen und scheitern. Die Handlung des Romans erstreckt sich über mehr als tausend Jahre. Dabei geht es nicht um heldenhafte Individuen, sondern um den Aufstieg und Fall von Kollektiven. Teils wird es besser, teils schlechter, oft beides zugleich. Dieser Wandel von Gesellschaft heißt Geschichte und Daths Text erzählt davon; nicht mit Blick auf eine gegebene Vergangenheit, die gelesen und nacherzählt wird, sondern spekulativ bezogen auf eine virtuelle Zukunft. Das ist das Erste, was politisch ist an Daths Roman: Die Veränderbarkeit von Gesellschaft wird sichtbar als Geschichte im doppelten Sinn; als mögliche Welt der Zukunft und als Wandelbarkeit sozialer Verhältnisse.

»Gedächtnis ist das Potenzial der Humanisierung der Welt überhaupt. Weil ich mir irgendetwas merken kann, kann ich mir vorstellen, dass es anders wäre, als ich es mir merke oder als ich es gerade im Moment wahrnehme. (…) Diese Dinge verweisen darauf, dass schlechte gegebene Zustände – und da kommen wir ins Politische – (…) änderbar sind, weil sie nicht immer so waren und nicht immer so sein werden« (Dath 2011).

So wie die Madonna

Als nächstes Drittens: Im Buch fehlen alltägliche Orientierungspunkte, insbesondere was Personen angeht. Viele Charaktere passen nicht in stereotype Rollen; es gibt einen, der König heißt, aber er herrscht nicht wie ein König. Dazu kommt, die Gente, die im Roman die Nachfolge der Menschen antreten, verändern sich nach eigenen Maßgaben, nicht nach den Bedarfen einer Gesellschaft. Sie wechseln Geschlecht, Spezies und Aggregatzustand.

»Aber die Genotypen, die waren Bestandteil der Domäne des Willens geworden, und so von da aus alle anderen Ordnungseinheiten, Familien, Klassen, Stämme, die höheren Taxa, an deren alten Verbindungen sich doch so gründlich der große naturgeschichtliche Zusammenhang hatte lernen lassen, die Nichtzufälligkeit, das alles, an dem sich der Verstand schön schärfen ließ. Daß es eine reiche, lebendige Welt gibt, in der alles kausal zusammenhängt und mit rechten Dingen zugeht, verstehbar, ohne daß irgendeine unheimliche Hand es lenkt« (Dath 2008a: 159).

Was Popstars heute auf individueller Ebene tun, nämlich scheinbar selbstbestimmt an ihrem eigenen Image zu arbeiten, tun die Gente auf gesellschaftlicher Ebene und produzieren dabei ihre eigene Subjektivität. Dath beschreibt den Unterschied zwischen der aktuellen Gesellschaft und jener der Gente so:

»Was die Leute machen dürfen ist: Verändere dich, mach’ einen Kostümwechsel, je nachdem, was wir von dir brauchen! Du musst flexibel sein, dann musst du aber andererseits unsere Unternehmenskultur in dich aufsaugen und völlig von ihr angefüllt sein. Also einerseits bist du gar nichts, andererseits bist du genau das, was wir brauchen. Dieses ganze Zeug, das wird dann noch geeicht an Leuten, von denen gesagt wird, sie würden das unentfremdet tun. Also es wird gesagt: So wie die Madonna und der David Bowie sich immer verändern, so veränderst du dich jetzt auch, und wir sagen dir dann wie. Und wenn dieses ›Wir sagen dir dann wie‹ wegfällt, dann hat man die Welt, in der die Gente rumeumeln« (Dath 2011).

Das ist das Zweite, was politisch ist an Daths Roman: Es geht um die Beziehungen von Individuen zu Gesellschaft. Jedes der Gente ist Subjekt nach eigenem Gutdünken und erzählt wird, wie diese Gesellschaft maximaler Freiheit funktioniert und scheitert.

Personen sind keine Myxamobae

Als letztes Erstens: Der Gegenpol zum Gemeinwesen der Gente ist ein Kollektiv angeführt von der rechnenden Maschine Katahomenleandraleal. Im Gegensatz zu den hyper-individuellen Gente folgt die Maschine logischen Prinzipien ohne Subjektivität. Sie kategorisiert und benennt, sie denkt nicht, sie plant nur.

»Es war Katahomenleandraleal, die sich allen und allem erklärte: ›Ich weiß jetzt, wie mein Leben geht. Ich bin eine Frau, ich bin weiblich, meine Verkörperung hat die erste Formentscheidung getroffen. (…) Ich weiß jetzt mehr über mich als zuvor, das gefällt mir. Ich habe ein Geschlecht und hatte zuerst schon einen Namen und habe immer noch keine Spezies, zu der ich gehöre und die sich von Blutes wegen zu mir bekennt. Es gibt weiterhin Arbeit‹« (Dath 2008a: 112f).

Für die Gente wird die Maschine zur Gefahr von Außen, die Technologie wird zur neuen Natur. In der Mitte des Buchs, am Ende des Konflikts der beiden Welten müssen die Gente von der Erde fliehen, weil sie nicht gewinnen können gegen die Logik der Maschinenwelt. Die Gente verlieren ein und denselben Krieg an zwei Fronten: gegen eine Technologie, die ausgebrochen ist aus sozialer Kontrolle, und gegen ihre eigene Unfähigkeit, sich als Gesellschaft zu sammeln.

»Dass der Kampf so ausgeht, wie er ausgeht im Buch, nämlich dass die Gesellschaft, die einem abstrakten Prinzip folgt, über die Gesellschaft triumphiert, in der die Freiheitsgrade maximal sind, soll nicht etwa heißen, in the long run, we are all dead, sondern soll sagen, a house divided can’t stand. (…) Noch die freieste Gesellschaftsordnung wird mit Dingen konfrontiert sein, (…) die sie dazu zwingt zu begreifen, dass sie eine Gesellschaft ist« (Dath 2011).

Ganz entgegen Margaret Thatchers berühmtem Ausspruch »There is no such thing as society« ist der Roman das Gegenteil der Behauptung, es gebe zwar Familien, Nationen, Herren, Knechte usw., aber darüber hinaus keine Ebene, auf der Menschen sich verabreden können. Das ist dann das Dritte, was politisch ist an Daths »Die Abschaffung der Arten«: Der Widerspruch gegen die Annahme, es gebe keine Gesellschaft, erzählt als Geschichte der Schwierigkeit sich als solche zu organisieren. Im Buch wird dieses Problem illustriert an Schleimpilzen, einzelligen Organismen, die teils unabhängig von ihren Artgenossen agiert wie Individuen, aber auch zu einer kollektiven Einheit zusammenklumpen können:

»›Weil sie so was nicht konnten. Die Menschen. Deswegen ist ihnen passiert, was ihnen passiert ist. Deshalb haben wir sie überwunden. Weil sie nicht konnten, was die Myxamobae…‹ Izquierda stellte die Ohren auf und schüttelte den Kopf: ›Unsinn. Was sie besiegt hat, war nicht, daß sie keine Schnecke bilden konnten. Sondern daß sie’s, ohne dafür gerüstet zu sein, dauernd versucht haben. Eine Verwechslung: Personen sind keine Myxamobae, egal, ob sich’s bei den Personen um Menschen oder um Gente handelt‹« (Dath 2008a: 17f).

Literatur

01.05.13

Autechre hören mit Serres

Während E. am Küchentisch arbeitet, höre ich im Schlafzimmer das neue Album von Autechre »Exai«. Sie kommt rüber und fragt, woher der Krach käme und ob ich die Waschmaschine angestellt hätte.

Was Autechre als Musik veröffentlichen, lässt sich bei unaufmerksamem Hören vom Nebenzimmer aus, bei einem Hören, bei dem sich die Geräusche aus den Boxen mit dem vermischen, was sonst noch da ist, leicht mit einem rumpelnden oder kreischenden Gerät verwechseln. Auch bei genauem Hören, einem Hören mit Kopfhörern etwa, das anderes ausschließt, kann das Gehörte hingeworfen und beliebig wirken, wie unregelmässiges Rauschen oder Krach. Eine Verwechslung von Lärm und Musik.

Michel Serres schreibt in »Die fünf Sinne«: »Der Gruppe angehören heißt den Lärm nicht hören. Je mehr Sie sich integrieren, desto weniger hören Sie; je mehr Sie darunter leiden, desto weniger gehören Sie dazu. (…) Der Lärm definiert das Soziale«. Wer den Lärm sucht, will nicht dazugehören.

Aber Autechre produzieren nicht den wiederentdeckten Lärm des Kollektivs, sondern einen, der sich Mühe gibt, anders zu sein als die Geräusche der Gruppe. Denn den Kollektivkrach zu hören, hieße zwar sich abzusondern, liefe aber auch Gefahr die Stille gegen das Geräusch und die Sauberkeit gegen die Verschmutzung auszuspielen. Deshalb braucht es einen anderen, einen neuen, einen eigenen Lärm.

Autechre-Fans können von einem Lerneffekt berichten: Auf anfängliche Verwirrung folgt nach längerem Hören (Tage, Wochen, Monate) Verständnis und Genuss. Die ersten Durchgänge durch die unbekannten Tracks haben nichts als die Aktivierungsenergie einer Faszination für das Neue. Die ersten Hörerlebnisse bieten keine selige Konzentration, sondern nur nervöse Zerstreuung. Erst mit dem Kennenlernen des Geländes, erst mit der Vertrautheit mit den Breiten, Höhen und Tiefen beginnt der Spaß. Der Lärm wird zu Musik.

Serres schreibt: »Der Übergang vom ungeordneten oder chaotischen Rauschen zur Information (…) oder vom Getöse zur Musik (…) schreibt unmittelbar jenen Gesellschaftsvertrag, dessen Text unauffindbar bleibt«. Wer den Lärm von Autechre zu Musik macht, produziert mit an einem eigene kleinen Sozialvertrag.

Ist das eine Politik der Zerstreuung? Die Absprengung von einem Kollektiv und die Anklumpung an ein neues mittels Geräuschen. »Das Hörbare hält das Terrain dank seiner Fähigkeit, in die Breite zu wirken; die Macht gehört dem, der die Glocken und Sirenen besitzt, sie gehört dem Netz der Schallsender«, schreibt Serres.

24.03.13