
Ein Fluzeugabsturz. Gleich so zu Beginn. Und sogar einer von den ephatiefreien, bei denen man Nichts aus dem Inneren des Flugzeugs erfährt, also ob beispielsweise Familienmitglieder an Bord sind, also natürlich nicht die eigenen, das ist ausgeschlossen, aber doch vielleicht die Mitglieder irgendeiner Familie, die man, wenn es ganz schlecht läuft, gar noch kennenlernt innerhalb so einer Episode. Aber nein, man erfährt glücklicherweise nichts von Familienmitgliedern, Familien oder sonst irgendwelche Details aus dem Inneren des abstürzenden Flugzeugs. Um ein Kriegsflugzeug scheint es sich außerdem zu handeln und da ist es ja gleich doppelt nicht emphatiebedürftig. Ich hatte also meinen gerechten Spaß mit der frühen Explosion des Flugzeugs.
Eine interstellare, postapokalyptische Welt ist es, in der Flugzeuge in dieser Weise abstürzen. Die Imperialen Truppen sind – wie es sich gehört – gekleidet wie Nazis, die sympatische Schmugglertuppe, die größtenteils aus Protagonisten zu bestehen scheint, sieht aus wie eine Mischung aus Cowboys, Cowgirls und Piraten¹. Gerade das mit den Cowpeople lasse ich mir nicht mehr ausreden, aber ich habe ja auch den fürchterlichen Country-Theme-Song gehört, der mich in dieser Hinsicht befangen gemacht haben muss. Es geht um »Freedom« und ist sehr sing- und country-lastig.
Ein erster Planet, auf dem die Gruppe landet, sieht asiatisch aus, was eigentlich dumm ist zu sagen, weil ja in Wahrheit nichts »asiatisch« aussieht, sondern allenfalls japanisch, chinesisch oder wie aus Butan stammend. Es ist schließlich auch Quatsch etwas »europäisch« zu nennen. ²Man muss schon das genaue Land angeben, dessen Eigenschaften man meint. Sonst kann einen niemand verrstehen. Trotz alledem: Der erste Planet sieht asiatisch aus. Der große Rest der Episode ist schnell erzählt, gerade wenn man, wie ich, keine Lust hat ihn zu erzählen.
¹Hat die deutsche² Piratenpartei schon klären können, ob es ratsam ist das Wort »Piratinnen« zu verwenden?
(Bild von davedehetre.)

Was man lange einfach Dubstep genannt hat, wird immer diffuser und widerspenstiger. Ein gutes Zeichen, heisst es doch, das Ding ist am Leben. Verdanken darf man das neben vielen anderen Ikonika, bürgerlich Sara Abdel-Hamid, die ihre seltsame Bassmusik seit 2008 vor allem auf dem Londoner Label Hyperdub veröffentlicht. War Ikonika bisher eines der vielen Wunderkinder auf dem Querschläger Hyperdub, macht sie jetzt mit ihrem Album einen hörbaren Unterscheid.
Im von Dubplates und Neuheit strukturierten Hardcore-Universum bietet sich das Format Album nur wenig an und wer es trotzdem wagt, muss einen Drahtseilakt stehen zwischen nichtssagendem Fahrstuhlstep und allzu schematischer Tanzmusik. Ikonikas Ausweg aus dieser Misere ist sperrig, nicht aber kompliziert und schon gar nicht Hightech. Das Album biedert sich weder dem leichten Hören noch der Tanzfläche an.
»Contact, Love, Want, Have« ist voller Science-Fiction und Videospiel-Utopie. Das macht das Ganze überraschend emotional, auch dafür dass es mit so einfachen und abstrakten Synthiesounds arbeitet. Es geht monumental und verträumt zu, bleibt aber immer angespannt, nicht zuletzt wegen Ikonikas seltsam unruhigen Melodien und hüpfenden Rhythmen. Ein gutes Stück Pop: leichtfüßig, verspielt, laut und schief.
[Bild von Jomind.]

Dekadenz ist das Gegenteil von Fortschritt, schlimmer noch als Stillstand, eine Bewegung in die falsche Richtung. Wer anderen Dekadenz vorwirft, scheint zu wissen, wohin es richtigerweise geht. Und das ist nicht ganz einfach, denn die Welt an sich kennt keine Richtung und weder Fortschritt noch Dekadenz. Die Welt geht nur weiter.
Die Geschichte hat oft schon gezeigt, wie eine klare Richtung hinderlich sein kann; entweder weil dem Fortschritt in die eine, richtige Richtung alles andere untergeordnet und geopfert wird, oder weil das bekannte und unabänderliche Ziel bewegungslosen Fatalismus generiert. Das ganze Konzept Geschichte führt in die Irre, wenn es Geradlinigkeit suggeriert, wo es eigentlich nur Möglichkeiten gibt. Die Evolutionstheorie würde sagen, man kann Zukunft weder Planen noch Vorhersagen, man kann nur probieren und sehen, was passiert.
Dazu passt das neue Buch von Passig/Scholz über das Verirren, ist das doch eine Bewegung genau in diesem Sinne, ungeplant und unvorhersehbar. Ja zu einem Gedächtnis, das anzeigt, was bereits mit welchem Ergebnis ausprobiert wurde, aber Nein zu einer Diktatur der Vergangenheit über die Zukunft. Auf die Rede von Dekadenz und Fortschritt zu verzichten, heisst nicht Utopien auszuschliessen, sondern nur zuzugeben, die Richtung nicht zu kennen.
[Auch hier. BIld von threecee.]
Über Musik zu schreiben ist hoffnungslos. Nur haben wir nichts besseres, abgesehen von Musik über Musik. Um so wichtiger ist es, dass mit neuen Formen des Schreibens über Musik experimentiert wird.

In der aktuellen Ausgabe der Spex ist zum zweiten Mal das so genannte »Pop Briefing« erschienen – ein laut Redaktion »radikaler Schritt« hin zu einem »Neustart der Musikkritik«: Anstatt von nur einem Autor werden hier Alben von mehreren und im Dialog besprochen. Ob Autorenanzahl und die versprochene Meinungsdiversivität in einem eindeutigen Verhältnis stehen, bleibt fraglich.
Was ich aber schon mal nicht unbedingt brache, ist eine Kaufberatung oder einen pseudo-vollständigen Testbericht. Besser ist eine begründete Meinung über ein Popding, von dem ich möglicherweise auch schon anderes gehört habe. Gerade wenn es um Pop geht, muss ich nicht sorgsam an die Hand genommen werden. Zur Abbildung von Meinungsvielfalt, war das »Pop Briefing« nicht nötig, wenn aber eine »Ablehnung des ganzen Scheiß« wahrscheinlicher wird, wäre das eine gute Sache.
Es bleibt, dass gedruckte Popkritik und das Format des Albums zusammen gehören, besonders im Kontext Zeit: So wie ein Album heute häufig in der hintere Hälfte eines Hypes erscheint, informiert gedruckte Musikkritik immer weniger über das Neue und Heiße, sondern eher über das, was durchgehalten hat. In beiden Fällen geht es eher um Bündelung und Rückschau, weniger um die Anfängen eines Trends.
Das Gute daran: So wie auf einem Album die bekannten Hits den experimentellen Tracks den Rücken frei halten können, so kann eine laufende Diskussion um ein Stück Pop die beste Basis sein für experimentellere Meinungen zum Popding. Ist das Grundsätzliche bekannt, ist das ausgeschlossene Dritte willkommener. Es braucht also vielleicht weniger ein internet-simulierendes Dialogformat, als viel mehr Wiederholung, Rückschau und Reorganisation. Gedruckte Musikkritik könnte Arrièregarde statt Avantgarde sein.
[Fast so in der Berliner Gazette erschienen. Bild von EricGjerde.]