Dinge kommentieren

    things

    Das Ding an sich war raus. Seit den konstruktivistischen Sündenfällen des 20. Jahrhunderts (Unschärferelation, Beobachtungstheorie, Theorie der Form, Dekonstruktion usw.) waren die Dinge direkt viel weniger interessant als Beobachtungen und Aussagen über Dinge. Doch jetzt das: Neben einer gerade erschienen »Kultursoziologie der Dinge« wurde in einer mittlerweile unauffindbaren Radiosendung die Methode der Dingforschung erwähnt. Es ging um das Fahrrad als ein „Ding der Nation” der Niederlande und darum, wie an diesem Ding nationale Tugenden gespiegelt wurden; der freie Niederländer fährt mit seinem Fahrrad selbstständig wohin er will, der ehrliche Niederländer sitzt aufrecht auf seinem Fahrrad usw.

    Man sieht gleich, die Dinge werden in der Dingforschung nicht einfach nur Dinge sein können, sondern eher Klumpen von Informationen über Verwendung und Geschichte. Dinge gibt es nur mit Gedächtnis und einem Medium. Bargeldstücke zum Beispiel sind ganz eindeutig etwas anderes als nur hübsch geprägte Metalldinge. Und auch die Dinge im Yps-Heft (»Gimmicks«) waren toll durch ihre Geschichte, nämlich als »Überlebensausrüstung« oder »Urzeitkrebse«, nicht weil sie gut funktioniert hätten. Klassischer Weise sind es die Dinge der Religion und der Kunst, die Dinge als Informationshaufen entlarven: Reliquien aller Klassen*, unterschriebene Urinale oder Bilder von schwarzen Quadraten**.

    Die passende Medientechnik für eine digitale Vernetzung der Dinge als Informationsklumpen, für ein »Internet der Dinge«, ist auch fast fertig. Die kommende Version des Internetprotokolls (IPv6) vergrößert den Adressraum des Internets von 232 auf 2128 mögliche Adressen. Damit hätte jeder lebende Mensch so viele IP-Adressen zur Verfügung wie eine Tonne Kohlenstoff Atome hat – genug Adressen für viele Dinge also. Wenn alle Dinge adressiert und vernetzt sind, bringen Techniken der augmented reality die in der Vernetzung generierten Informationen wieder zu den Dingen. Die Informationsseite der Dinge wird noch mal ganz neu aufgerollt.

    Die ersten Dinge überhaupt sollen solche gewesen sein, die andere Dinge ordnen und sammeln konnten, also Körbe, Schalen, Krüge u.ä. Das scheint sich zu wiederholen, beliebt bleiben Meta-Dinge. Was den ersten Menschen ihr Faustkeil oder Korb, ist den Kapitalisten ihr Produktionsmittel. Das nächste große Ding müsste eines sein, mit dem man Dingnetze manipulieren und augmented realities erzeugen kann. Das nächste große Ding ist ein Dingbrowser. Ein Ding mit dem man Dinge kommentieren kann.


    * Zu klären wäre, inwieweit Reliquien erster Klasse, besonders Ganzkörperreliquien, als Dinge behandelt werden sollten.
    ** Bilder sind überhaupt bemerkenswerte Dinge, weil sie etwas zeigen, was sie nicht sind. Das gilt wiederum nur teilweise für Mise en abyme.


    [Ziemlich genauso in der Berliner Gazette erschienen. Bild von numstead.]

    I heart a sound.

    moldywater

    Hudson Mohawke / Butter
    Paul White / The Strange Dreams Of Paul White
    Zomby / One Foot Ahead Of The Other
    Bibio / Ambivalence Avenue
    Ras G / Brotha From Anotha Planet
    Dorian Concept / When Planets Explode
    Grizzly Bear / Veckatimest
    2562 / Unbalance
    Kettel / Myam James 2
    FaltyDL / Bravery
    The Long Lost / dito
    Last Days / The Safety Of The North
    La Roux / dito
    Choir Of Young Believers / This Is For The White In Your Eyes
    Little Boots / Hands
    Bat For Lashes / Two Suns
    Nosaj Thing / Drift
    Foreign Born / Person To Person
    Mayer Hawthorne / A Strange Arrangement
    jj / jj n° 2
    Nite Jewel / Good Evening
    Bodycode / Immune
    Andrew Bird / Noble Beast
    10-20 / dito
    Shackleton / Three EPs

    [Bild von Vintage Collective.]

    Wie sind wir Was/ser?

    Wir sind was? Wasser? Irgendwie schon: Nicht nur jedes Wir, sondern überhaupt jedes Was hängt immer auch ab von anderem, fliesst aus- und ineinander, trennt und vermischt sich gerne. Was man fest in der Hand zu haben meint, läuft einem im nächsten Moment durch die Finger. Alles kann man immer noch differenzierter sehen und durch eine Metaebene mehr filtern. Und das ist nicht schlimm. So ein Meer von Sinn ist eine tolle Sache, mindestens für Entdecker. Von der Tiefsee der Erde soll nur ein Prozent erforscht sein, von der Tiefsee des Sinns wahrscheinlich noch weniger. Komisch ist aber, dass wir trotzdem sinnvoll etwas Bestimmtes sagen können.

    moldywater

    Wie können wir etwas sein oder meinen, was zumindest auf den ersten Blick eindeutig bezeichnet ist, feste Ecken und Kanten hat und nicht sofort wieder mit dem Meer zusammenläuft aus dem es kommt? Wie sind wir Was[ser]? Vielleicht ist jedes Was und jedes Wir so etwas wie Wasser in Gläsern und Eimern, Tonnen und Töpfen, Flaschen und Tassen. Wir sind nicht einfach nur irgendwie Wasser, sondern Wasser in Behältern, Wasser in bestimmter Form. Wir sind und nutzen Dinge, die ein wenig Wasser vom Meer trennen und mit sich selbst zusammenhalten. Mit einem ganzen Meer kann keiner etwas anfangen.

    Wir sind Bayern und Berliner, Deutsche und Österreicher. Wir sind Kunden, Männer und Fussfetischisten. Alles zugleich oder nichts von alledem. Und wenn irgendetwas an meinem Geplansche und Gepansche mit Metaphern dran ist, dann ist jedes Wir fest und flüssig zugleich: Fest, weil ein verstehbares Wir ein formendes Gefäß braucht, und flüssig, weil das geformte Wasser auch immer wieder umgefüllt und zurückgeschüttet werden kann. Wenn Wasser zulange nicht bewegt wird, wird es brackig und abgestanden. Kategorien sind notwenig, aber genauso notwendig ist, dass es auch andere Kategorien und Faktoren gibt. Alles Wasser fliesst irgendwann zurück ins Meer.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Bild von sjsharktank.]

    Habermas wählen

    Am 18. Juni feierte Jürgen Habermas seinen 80. Geburtstag. Zu dem Anlass und ganz allgemein steht ein Luhmann-Opfer wie ich ganz gerne reflexhaft in Opposition zu Habermas und seiner Theorie, auch wenn ich von beiden nicht viel mehr weiß, als was mich Luhmann durch Seitenhiebe hat wissen lassen. Rundum ungerecht ist also mein arg beschränktes Interesse und Wissen am Geburtstagskind. Aber so schlimm, Frau Tönnies? Kann ich mir gar nicht vorstellen, muss ich mir selber mal anschauen. Bitte seien Sie mir nicht böse, Frau Tönnies, wenn ich nicht mit Ihrer Sicherheit mithalten kann.

    habermas

    Man kann schon mal nicht sagen, der Geburtstag würde nicht gut zum Wahljahr 2009 passen; hat sich Habermas doch gerne mit der Demokratie herumgeschlagen. Seine deliberative Demokratie ist ausdrücklich unabhängig von der Tugendhaftigkeit ihrer Buerger, aber auch kein einfacher Deal eigennütziger Individualisten. Auch soll sie als pluralistische Politik nicht hauptsächlich ethisch sein, d.h. soll sich nicht ständig mit der Frage beschäftigen, wie eine gute Gesellschaft beschaffen ist und zu erreichen wäre. Wichtig ist vielmehr, dass verschiedene Werte und Interessen prozessiert werden, die je fuer sich gerade nicht die Identität der Gesellschaft behandeln.

    In Habermas‘ Demokratie kommt alles auf die Kommunikationsbedingungen der Meinungs- und Willensbildung an. Es kommt darauf an, wie eine öffentliche Meinung zustande kommt und in Wahlen politische Form gewinnt. Öffentlichkeit kann weder handeln noch herrschen, aber sie kann politische Macht in bestimmte Bahnen lenken und als solidarisches Gegengewicht zu den Gewalten Geld und Macht wirken. So hofft es zumindest Habermas und ich will gerne mit ihm hoffen. Und eines will ich empfehlen: Bei berechtigten Zweifeln Tönnies überspringen und gleich Habermas lesen.

    [Endlich mal dem Namen der Neuen Zukunft Ehre gemacht und Text völlig verspätet hier reingelegt. Nimm das, Zeit! Ursprünglich ist das alles erschienen in der Berliner Gazette. Das Bild ist von hannizkaos.]

    Hiphop als Hörspiel

    »Vielleicht schreibe ich was über Hiphop«, habe ich gesagt. »Ach«, hat sie gleich verächtlich erwidert, »Hiphop ist doch tot!«. Immer mal wieder ein Sorgenkind ist er in der Tat. Er ist noch für kleine Skandale gut, ist manchmal wirtschaftlich erfolgreich und tut immer so. Er sei Sexist, sagt man, und überhaupt gibt er sich nicht selten konservativ. Aber tot? Nein! Tot ist er nicht. Vielmehr erinnert das alles daran, wie Hiphop nie nur Musik war, sondern immer Paradefall einer Popkultur, die mehr Formen benutzt als nur Geräusche.

    mpc

    Trotzdem: Was ist mit den Tönen und was ist mit der Musik des Hiphop? Was ist mit den Beats? Neues hören kann man zum Beispiel aus Los Angeles, nämlich vom Label Brainfeeder und dessen bekanntestem Mitbegründer Flying Lotus. Auch in England auf dem sumpfigen Bassboden von Dubstep sind neue Beat gut gediehen, so in Glasgow die von Hudson Mohawke und Rustie, die beide beim legendären Label Warp Unterschlupf gefunden haben. Wien hat den spitzenmässigen Dorian Concept zu bieten.

    Irgendwie haben sie alle etwas Neues gemeinsam: Ihre Beats sind gerne unglaublich wacklig und verschroben, mit viel Dreck und billigen Synthies verziert. Die Sounds klingen oldschoolig und auf nostalgische Weise futuristisch, auch elektronisch, aber nicht nach Hightech, oft komplex, aber dabei nach Hobby und Hörspiel. Alles das hat diese Musik dem Hochglanz-Hiphop nach Timbaland und dem konservativen Thug-Hiphop voraus, nämlich das Ungerade und Verbeulte, den Fehler als zentrale Form und Folge sympathischen Ausprobierens. Pop und Experiment feiern zusammen.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Foto von regueifeiro.]