Hiphop als Hörspiel

    »Vielleicht schreibe ich was über Hiphop«, habe ich gesagt. »Ach«, hat sie gleich verächtlich erwidert, »Hiphop ist doch tot!«. Immer mal wieder ein Sorgenkind ist er in der Tat. Er ist noch für kleine Skandale gut, ist manchmal wirtschaftlich erfolgreich und tut immer so. Er sei Sexist, sagt man, und überhaupt gibt er sich nicht selten konservativ. Aber tot? Nein! Tot ist er nicht. Vielmehr erinnert das alles daran, wie Hiphop nie nur Musik war, sondern immer Paradefall einer Popkultur, die mehr Formen benutzt als nur Geräusche.

    mpc

    Trotzdem: Was ist mit den Tönen und was ist mit der Musik des Hiphop? Was ist mit den Beats? Neues hören kann man zum Beispiel aus Los Angeles, nämlich vom Label Brainfeeder und dessen bekanntestem Mitbegründer Flying Lotus. Auch in England auf dem sumpfigen Bassboden von Dubstep sind neue Beat gut gediehen, so in Glasgow die von Hudson Mohawke und Rustie, die beide beim legendären Label Warp Unterschlupf gefunden haben. Wien hat den spitzenmässigen Dorian Concept zu bieten.

    Irgendwie haben sie alle etwas Neues gemeinsam: Ihre Beats sind gerne unglaublich wacklig und verschroben, mit viel Dreck und billigen Synthies verziert. Die Sounds klingen oldschoolig und auf nostalgische Weise futuristisch, auch elektronisch, aber nicht nach Hightech, oft komplex, aber dabei nach Hobby und Hörspiel. Alles das hat diese Musik dem Hochglanz-Hiphop nach Timbaland und dem konservativen Thug-Hiphop voraus, nämlich das Ungerade und Verbeulte, den Fehler als zentrale Form und Folge sympathischen Ausprobierens. Pop und Experiment feiern zusammen.

    [Geschrieben für die Berliner Gazette. Foto von regueifeiro.]