Demokratie. Nur noch.
Früher mal war Demokratie eine Veranstaltung für männliche Stadtbewohner mit Geld, heute sind wir alle dabei und gefragt. Es scheint also mehr dem Zufall oder einer Form von Bequemlichkeit geschuldet, dass die moderne Demokratie heute noch eben diesen Namen trägt. Nein: »Volksherrschaft« ist ja nicht ganz falsch, zumindest nicht als Anspruch an die Politik. Doch so richtig passend ist der Name dann scheinbar auch wieder nicht, denn wenn sich das Volk selbst beherrschen würde, müsste es nicht meckern, wenn es sich auch selbst höhere Steuern oder Diäten gönnt.

Einerseits ist die Demokratie gut oder alternativlos genug, um sie denen zu empfehlen oder gar aufzuzwingen, die sie noch nicht praktizieren und nicht gewählt haben. Andererseits verbinden wir aber auch nicht mehr die aller größten Hoffnungen mit dieser Form von Politik. Das moderne Doppel Demokratie und Kapitalismus hat es bisher zumindest nicht geschafft seine Autonomieversprechungen so einzulösen, wie wir es einmal hoffen durften. Wenn heute aber zunehmend Zweifel laut werden an der Gestaltungskraft der Demokratie (und das nicht immer zu Unrecht), dann haben wir und die Gesellschaft ein Problem.
Ein Problem ist das, weil besseres nicht in Sicht ist und – wichtiger – weil wir damit rechnen, dass die Gesellschaft politisch gestaltbar ist. Dass das nicht immer funktioniert, sei erst einmal dahingestellt. Helfen könnte vorerst, wenn wir genauer fragen, was Demokratie denn kann und was nicht. In diesem Sinne können wir Demokratie auch anderen empfehlen, müssen aber wissen und sagen, was mit ihr verknüpft ist. Nämlich eine Gesellschaft, die sich nicht leicht gezielt steuern lässt, die zwar neue individuelle Autonomien ermöglicht, aber alte Zwänge nicht auflösen konnte und selbst neu produziert.
[Der Text ist ursprünglich und minimal verändert in der Berliner Gazette erschienen. Das Bild ist von richdrogpa.]
